über das in frage stellen von freiheitskonzepten, schwesterlichkeit und ‘wir’-bezügen

freiheit – ein konzept, das in den unterschiedlichsten zusammenhängen aufgerufen und verteidigt wird, um strukturelle diskriminierungen (wie rassismus, klassismus, sexismus, ableismus1) aufrechtzuerhalten. häufig als reaktion (oder anders: abwehr) auf kritik an diskriminierendem handeln. da wird sich dann auf die freiheit der kunst berufen um sich nicht mit dem eigenen diskriminierenden kunsthandeln auseinandersetzen zu müssen oder verständnisse von kunst zu hinterfragen.

kritik an diskriminierender sprache wird als individuelles problem der person abgetan, deren empfindungen herangezogen werden. strukturell ausschliessende und gewaltvolle räume, zugangsbarrien oder vermeintlich neutrale qualitätsstandards werden zu: „die person ist einfach nicht gut genug“, „stil, verhaltensweise, genre passt nicht“ oder „sie hat sich nicht genug angestrengt“.

verbunden mit der bezugnahme auf dieses freiheitskonzept ist, dass geleugnet und/oder nicht wahrgenommen wird, dass es ungleiche gesellschaftliche machtverhältnisse gibt. es können sich nicht ALLE frei bewegen und entfalten. es können nicht ALLE gleichermaßen sprechen, schreiben, singen oder sich anderweitig äußern und werden damit wahrgenommen oder gehört. das hängt immer auch davon ab, wie die jeweiligen personen oder gruppen in bezug auf gesellschaftliche machtverhältnisse positioniert sind, welche barrieren und gewalt sie erfahren. meiner wahrnehmung nach sind weiße ableisierte mittelschichts hetero cis-typen sehr häufig ganz vorn mit dabei, wenn es um die verteidigung ihrer freiheit geht, die sie als allgemeingültig setzen.

meine kritik an dem konzept freiheit richtet sich also gegen die verteidigung der freiheit oder die annahme von freiheit (der meinung, der wahl, der kunst etc.) aus einer perspektive oder position, welche bestehende diskriminierungen und privilegierungen aufrecht erhält oder gar nicht erst wahrnimmt. nicht bezugspunkt meiner kritik sind emanzipatorische bestrebungen nach freiheit. im sinne von befreiung, also dem wunsch nach erlangen von mehr freiheit, welche in bezug zu bestehenden strukturellen diskriminierungen gesetzt wird.

dass die annahme allgemeiner freiheit – neben gleichheit und brüderlichkeit – als ein prinzip der aufklärung auf allen möglichen ebenen ziemlicher – istischer bockmist ist, ist jetzt auch nichts neues. hat sich in bestimmten emanzipatorischen und kritischen zusammenhängen ja auch schon rumgesprochen. oder auch: ist erfahrungswissen und gewaltvolle lebensrealität. aber es ist schon erstaunlich, wo dieses wissen überall noch nicht angekommen ist. (eine auflistung von zeitschriften, künstler_innen, politiker_innen, wissenschaftler_innen, theaterleuten, konzertveranstaler_innen erspare ich mir jetzt mal…)

die annahme von freiheit – gleichheit – brüderlichkeit eint, dass es nur durch das leugnen von machtverhältnissen möglich ist sich auf diese konzepte zu beziehen. aber auch in weiß dominierten feministischen zusammenhängen, in der zwar brüderlichkeit kritisiert, aber dafür eine universelle schwesterlichkeit aufgemacht wird und von einem „wir“ die rede ist, findet eine leugnung statt: und zwar das nicht-wahrnehmen und nicht- anerkennen von mehr als nur einem sehr eingeschränkten verständnis von sexismus. keine kritik an der zweigeschlechterordnung, kein_kaum raum für differenzen untereinander und vielfältige nicht verallgemeinerbare erfahrungen aufgrund von mehrfachzugehörigkeiten.
das aufrufen eines über sexismus diskriminierten „wir“ aus weiß und cis positionierter perspektive – zum beispiel in unseren eigenen songtexten – ist immer auch problematisch und vereinnahmend. eine bezugnahme von weißen personen auf “sisters” ist ausschließend und verschiedene trans*positionen und mehrfachzugehörigkeiten, beispielweise in bezug auf rassismus2, nicht mitdenkend. somit diskriminierend.

auf neue_andere_herausfordernde_kritische_radikalere texte!

Zu den Lyrics

  1. „Ableismus oder Ableism bezeichnet eine Diskriminierungspraxis gegenüber Menschen, denen körperliche und/ oder geistigen „Behinderungen“ und/ oder Einschränkungen zugeschrieben werden. Auf gesellschaftlicher Ebene werden soziale Ausgrenzungstendenzen und Vorurteile durch institutionalisierte Formen untermauert und gefestigt.“ Diese Erklärung ist folgender Seite entnommen >> http://www.genderinstitut-bremen.de/glossar/ableismus.html
    Auf dieser Seite finden sich auch weitere (knappe) Erklärungen zu (unter anderem) strukturellen Diskriminierungen. [zurück]
  2. in Schwarzen und communities of Color werden manchmal die begriffe bruder/brother und schwester/sister verwendet, um sich auf eine kollektive erfahrung mit rassismus zu beziehen. zu dieser verwendung und einem widerständigen begriff von ‚freiheit’ siehe auch das gedicht ‚grenzenlos und unverschämt’ (1990) der Afrodeutschen autorin und aktivistin May Ayim >> http://ecoleusti.wordpress.com/2013/08/09/may-ayim/ [zurück]
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