Archiv für April 2015

Ängste sind politisch

Ausgangspunkt für diesen Text und die Lyrics war „Räume & Ängste“ von lantzschi

Menschen haben Angst, fühlen Angst, besitzen verschiedene Ängste. Wenn sie diese verbal oder körperlich wahrnehmbar für andere zum Ausdruck bringen (können!), begegnet ihnen meistens Unverständnis und Ignoranz: „Was ist dein Problem?“, „Ist doch nicht schlimm“, „Hab dich nicht so“ sind Reaktionen, die die Erfahrungs- und Erlebenswelten von Personen mit Ängsten herunterspielen und dem Befinden oder den Bedürfnissen dieser Personen keinen Platz einräumen. Die einfachen und empathischen Fragen „Wie geht es dir gerade?“ oder „Was brauchst du jetzt?“ werden selten gestellt. Was bleibt, ist die Frustration darüber, dass Ängste das Problem derer sind, die sie haben.

Obwohl Ängste Reaktionen auf oder Folgen von Diskriminierung und Traumatisierung sein können, spielen auch in aktivistischen Kontexten die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge/Hintergründe von Ängsten und deren Folgen für Betroffene1 selten eine Rolle. Anstatt zu versuchen Veranstaltungen, Räume und Gruppen barrieresensibel zu gestalten2, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu unterstützen, werden (neoliberale) Logiken der Selbstoptimierung, des Funktionieren-Müssens und Vereinzelung fortgeschrieben. Das spiegelt sich auch in den Umgängen mit verschiedenen Diskriminierungen wie bspw. Klassismus, Sexismus und Rassismus wider: Aktivistische Kontexte sind meistens nach den Selbstverständlichkeiten und Bedürfnissen derer ausgerichtet, die von diesen Diskriminierungen nicht betroffen sind. Alle anderen müssen sich anpassen, um hineinzupassen. Welche mentalen und körperlichen Anstrengungen dafür nötig sind, besonders dann, wenn Diskriminierung nicht nur über Zugang und Raumstruktur, sondern auch über Personen stattfindet, ist fast nie Teil der Auseinandersetzung. Die großzügig erteilten Absagen an verschiedene Diskriminierungen, die Wände und Einladungen zieren, bleiben deshalb bloße Lippenbekenntnisse.

Empfinden, Erleben und Wahrnehmen von Menschen, die Diskriminierung ausgesetzt sind, sollten stärker politisiert und nicht einer umfassend diskriminierenden Norm von „Rationalität“, „Vernunft“ und „Wahrheit“ untergeordnet werden. Welche Reaktionen rational begründet und vernünftig sind, was „tatsächlich“ passiert, ist für jede Person je nach sozialer Positionierung unterschiedlich.

Zu den Lyrics

  1. z.B. psychologisierende Zuschreibungen und Pathologisierungen/ Diagnose-Stellungen sowie damit einhergehend psychiatrisch-psychotherapeutische Zwangs_Behandlungen. [zurück]
  2. vgl. http://riotnrrrd.blogsport.eu/2014/01/30/platz-da & Bretz/Lantzsch (2013): queer_feminismus. label & lebensrealität, unrast verlag münster, 30-31. [zurück]